Herpes: Mehr, als nur ein Bläschen

Die meisten Menschen denken bei Herpes zuerst an das berühmte Kribbeln an der Lippe. Und natürlich taucht es bevorzugt genau dann auf, wenn man es überhaupt nicht gebrauchen kann: vor einem wichtigen Termin, einer Feier oder wenn man besonders gut auf einem Foto aussehen möchte. Herpes scheint dafür ein erstaunlich gutes Gespür zu haben.

Doch hinter dem Begriff Herpes steckt viel mehr als das lästige Bläschen an der Lippe. Herpesviren sind wahre Überlebenskünstler. Hat man sich einmal mit ihnen angesteckt, können sie lebenslang im Körper verbleiben. Die meiste Zeit merken wir davon überhaupt nichts. Erst wenn ein Virus wieder aktiv wird, kann es sich erneut bemerkbar machen.

Warum Herpesviren plötzlich wieder auftauchen können

Nach einer Infektion verschwinden bestimmte Herpesviren nicht vollständig aus unserem Körper. Sie ziehen sich gewissermaßen zurück und verharren dort in einem Ruhezustand, in der Medizin spricht man von Latenz.

Unser Immunsystem hält sie normalerweise gut unter Kontrolle.

Doch dieses System ist keine Maschine, die jeden Tag mit exakt derselben Leistung arbeitet. Schlafmangel, andere Infektionen, körperliche Belastungen oder anhaltender Stress können Einfluss darauf haben, wie gut unsere Immunabwehr funktioniert. Beim Lippenherpes können beispielsweise auch intensive UV-Strahlung oder hormonelle Veränderungen eine Rolle spielen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass nach drei schlechten Nächten automatisch die Lippe blüht. Aber vielleicht kennen Sie es selbst: Es gibt Phasen, in denen der Körper scheinbar alles wegsteckt – und andere, in denen er uns sehr deutlich zeigt, dass gerade ein bisschen viel los ist.

Herpes ist eine ganze Familie

Zur Familie der Herpesviren gehören verschiedene Viren, die ganz unterschiedliche Erkrankungen hervorrufen können.

Herpes-simplex-Viren können beispielsweise Lippen- oder Genitalherpes verursachen. Das Varizella-Zoster-Virus ist sowohl für Windpocken als auch für Gürtelrose verantwortlich.

Und dann gibt es noch das Epstein-Barr-Virus, kurz EBV. Viele kennen es als Auslöser des Pfeifferschen Drüsenfiebers.

Gerade EBV finde ich besonders interessant, weil seit Jahren intensiv dazu geforscht wird. Untersucht werden unter anderem Zusammenhänge mit verschiedenen Autoimmunerkrankungen sowie die Frage, welche Rolle vorausgegangene Infektionen bei länger anhaltender Erschöpfung spielen können.

Dabei ist mir eines wichtig: Ein positiver Antikörpernachweis gegen EBV bedeutet nicht automatisch, dass das Virus für aktuelle Beschwerden verantwortlich ist. Die meisten Erwachsenen hatten irgendwann in ihrem Leben Kontakt mit EBV.

Ein Laborwert allein erzählt eben selten die ganze Geschichte.

Kann man im Blut erkennen, ob EBV gerade aktiv ist?

Genau hier wird es manchmal etwas verwirrend. Denn auf einem Laborbefund stehen häufig gleich mehrere EBV-Antikörper, und nicht selten sind einige davon positiv.

Vereinfacht gesagt schaut man unter anderem auf VCA-IgM, VCA-IgG und EBNA-IgG.

VCA-IgM-Antikörper treten typischerweise zu Beginn einer frischen Infektion auf und verschwinden meist wieder. VCA-IgG-Antikörper entstehen ebenfalls im Rahmen der Infektion, bleiben aber in der Regel lebenslang nachweisbar. EBNA-IgG-Antikörper entwickeln sich erst einige Zeit nach der Erstinfektion und bleiben anschließend meist ebenfalls dauerhaft bestehen.

Sind also VCA-IgG und EBNA-IgG positiv, bedeutet das zunächst einmal: Der Körper kennt das Epstein-Barr-Virus bereits. Und das ist bei sehr vielen Erwachsenen der Fall.

Gerade hohe IgG-Werte werden manchmal vorschnell als Hinweis auf ein „chronisch aktives EBV“ oder eine Reaktivierung interpretiert. So einfach ist es jedoch nicht. Auch hohe Antikörperwerte können nach einer längst zurückliegenden Infektion bestehen und erlauben für sich allein keine sichere Aussage darüber, ob das Virus gerade für aktuelle Beschwerden verantwortlich ist.

Deshalb sollte ein EBV-Befund nie isoliert betrachtet werden. Beschwerden, Krankheitsverlauf, weitere Laborwerte und gegebenenfalls zusätzliche Untersuchungen gehören immer mit ins Bild.

Das ist ein schönes Beispiel dafür, warum ich Laborwerte gerne als Puzzleteile betrachte: Ein einzelnes Teil kann interessant sein, das ganze Bild erkennt man aber erst, wenn man die anderen dazulegt.

Gürtelrose – wenn aus Windpocken Jahre später etwas Neues wird

Ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie hartnäckig Herpesviren sein können, ist die Gürtelrose.

Wer als Kind Windpocken hatte, wird die Erkrankung irgendwann los, das Virus allerdings nicht. Das Varizella-Zoster-Virus zieht sich nach der Erkrankung in Nervenzellen zurück und kann dort viele Jahre oder sogar Jahrzehnte schlummern. Wird es später wieder aktiv, entsteht eine Gürtelrose.

Typisch sind brennende oder stechende Schmerzen und ein meist einseitiger Hautausschlag mit kleinen Bläschen. Manche Betroffene beschreiben schon vor dem sichtbaren Ausschlag eine ungewöhnliche Berührungsempfindlichkeit oder Schmerzen.

Besonders unangenehm: Die Nervenschmerzen können in manchen Fällen noch lange bestehen bleiben, nachdem die Haut längst wieder abgeheilt ist.

Deshalb gehört eine vermutete Gürtelrose für mich immer zeitnah ärztlich abgeklärt. Das gilt besonders, wenn Gesicht, Auge oder Ohr betroffen sind. Eine frühzeitige antivirale Behandlung kann wichtig sein.

Was hat unser Immunsystem damit zu tun?

Unser Immunsystem ist rund um die Uhr beschäftigt. Und es arbeitet nicht isoliert irgendwo in einer Ecke unseres Körpers.

Schlaf, Bewegung, Ernährung, Stress, Alter, Medikamente, bestehende Erkrankungen und viele weitere Faktoren beeinflussen unsere Immunabwehr. Auch der Darm ist dabei interessant, denn ein großer Teil unseres Immunsystems steht in engem Kontakt mit der Darmschleimhaut und dem dort lebenden Mikrobiom.

Deshalb greift es meiner Meinung nach zu kurz, bei häufig wiederkehrenden Beschwerden einfach nur nach „dem Mittel fürs Immunsystem“ zu suchen.

Die spannendere Frage lautet für mich:

Warum gerät das System gerade immer wieder aus dem Gleichgewicht?

Nicht jedes müde Immunsystem braucht einfach nur Vitamine

Gerade wenn Menschen ständig erschöpft sind oder immer wieder Infekte haben, wird schnell zu Vitamin C, Vitamin D, Zink und diversen Präparaten gegriffen.

Mikronährstoffe sind für eine normale Funktion des Immunsystems selbstverständlich wichtig. Viel hilft aber nicht automatisch viel.

Deshalb schaue ich lieber genauer hin: Gibt es tatsächlich einen Mangel? Wie sieht die Ernährung aus? Wie gut ist der Schlaf? Besteht dauerhaft Stress? Gibt es chronische Erkrankungen oder Medikamente, die berücksichtigt werden müssen? Und welche Beschwerden bestehen überhaupt? Manchmal ergeben sich daraus ganz andere Ansatzpunkte als ursprünglich gedacht.

Wenn der Körper mit der Bratpfanne winkt

Mir ist in meiner Praxis wichtig, nicht nur einzelne Laborwerte oder Symptome zu betrachten, sondern möglichst viele Puzzleteile zusammenzufügen.

Denn unser Körper arbeitet nicht gegen uns. Meist versucht er ziemlich lange, Belastungen auszugleichen. Anfangs flüstert er vielleicht nur ein bisschen. Wir sind müde, schlafen schlechter oder fühlen uns nicht richtig belastbar.

Und weil das Leben gerade wichtiger ist, machen wir weiter.

Irgendwann wird aus dem Flüstern ein Räuspern.

Und manchmal winkt der Körper schließlich gefühlt mit der Bratpfanne.

Natürlich lässt sich nicht jede Herpesreaktivierung durch weniger Stress, besseren Schlaf oder eine gesunde Ernährung verhindern. Und eine notwendige ärztliche oder antivirale Behandlung lässt sich dadurch ebenfalls nicht ersetzen.

Aber wiederkehrende Beschwerden können durchaus ein Anlass sein, einmal genauer hinzuschauen: Wie geht es meinem Körper insgesamt? Was fordert ihn gerade besonders? Und gibt es Faktoren, die sich sinnvoll beeinflussen lassen?

Genau diese Zusammenhänge interessieren mich.

Wenn Sie unter wiederkehrenden Infekten, anhaltender Erschöpfung oder chronischen Beschwerden leiden und sich eine ganzheitliche Betrachtung wünschen, begleite ich Sie gerne in meiner Naturheilpraxis in Bruckmühl.

Dabei ist mir die Verbindung von Naturheilkunde und Schulmedizin besonders wichtig. Denn manchmal braucht es nicht entweder das eine oder das andere – sondern einen vernünftigen Blick auf beides.

Vereinbaren Sie gerne ein kostenfreies telefonisches Erstgespräch.