Ein Apfel am Tag und alles ist gut?

Es ist wieder Apfelzeit! Die Bäume hängen voller roter, grüner und gelber Früchte, auf den Wochenmärkten stapeln sich die Kisten und auch in vielen Gärten stellt sich gerade die alljährliche Frage: Wohin mit all den Äpfeln?

„An apple a day keeps the doctor away“ – diesen Spruch kennt wahrscheinlich fast jeder. Frei übersetzt: Ein Apfel am Tag hält den Doktor fern. Aber ist an dieser alten Weisheit tatsächlich etwas dran? Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Sonst hätten Ärzte und Heilpraktiker im Herbst vermutlich auffallend wenig zu tun. Trotzdem hat der Apfel gesundheitlich einiges zu bieten.

Ein Apfel – was steckt eigentlich drin?

Äpfel wirken auf den ersten Blick fast ein bisschen unspektakulär. Keine exotische Superfrucht, kein komplizierter Name und kein Versprechen, uns innerhalb von drei Tagen rundum gesund zu machen. Sie wachsen einfach vor unserer Haustür. Und genau das gefällt mir an ihnen.

Ein Apfel enthält unter anderem Vitamin C, Kalium, verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe und Ballaststoffe. Besonders interessant ist dabei das Pektin. Es gehört zu den löslichen Ballaststoffen und kann von unseren menschlichen Verdauungsenzymen nicht vollständig zerlegt werden. Stattdessen gelangt es in den Dickdarm – und dort wird es interessant.

Denn unser Darm ist alles andere als ein einfaches Verdauungsrohr. Er beherbergt Billionen von Mikroorganismen, die zusammen unser Darmmikrobiom bilden. Einige dieser Darmbakterien können Ballaststoffe wie Pektin verwerten. Dabei entstehen unter anderem kurzkettige Fettsäuren, die für das Milieu im Darm und die Darmschleimhaut eine wichtige Rolle spielen.

Man könnte also sagen: Mit einem Apfel füttern Sie nicht nur sich selbst, sondern gleichzeitig einen Teil Ihrer kleinen Mitbewohner im Darm.

Bitte mit Schale!

Wenn Sie Äpfel gut vertragen, dürfen Sie sie gerne ungeschält essen. Denn gerade in und unmittelbar unter der Schale befinden sich viele sekundäre Pflanzenstoffe. Dazu gehören beispielsweise Polyphenole.

Deshalb muss der Apfel auch nicht unbedingt aussehen, als hätte er gerade ein Fotoshooting für einen Lebensmittelprospekt hinter sich. Eine kleine Macke oder eine etwas unregelmäßige Form macht ihn nicht weniger wertvoll.

Ich persönlich finde ohnehin, dass gerade die Äpfel aus dem eigenen Garten häufig besonders gut schmecken, auch wenn sie optisch nicht immer die Modelmaße aus dem Supermarkt erfüllen.

Vor dem Essen natürlich gründlich waschen, und schon darf die Schale dranbleiben.

Rot, grün, süß oder sauer – welcher Apfel ist der beste?

Boskoop, Elstar, Jonagold, Braeburn, Gala oder eine alte Sorte vom Bauern nebenan: Die Auswahl ist riesig. Die Sorten unterscheiden sich nicht nur im Geschmack, sondern auch in ihrem Gehalt an Zucker, Säuren und sekundären Pflanzenstoffen.

Dabei muss es nicht immer die vermeintlich „gesündeste“ Sorte sein. Viel wichtiger finde ich, regelmäßig unterschiedliche pflanzliche Lebensmittel zu essen. Unser Darm liebt nämlich Vielfalt.

Und hier liegt auch ein kleiner Haken am berühmten „Apfel am Tag“: Wenn ansonsten kaum Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse, Kräuter oder andere Obstsorten auf dem Teller landen, kann auch der fleißigste Apfel nicht alles wieder geradebiegen. Gesundheit lässt sich leider nicht auf eine einzelne Frucht reduzieren.

Warum alte Apfelsorten interessant sein können

Vielleicht haben Sie schon einmal gehört, dass manche Menschen bestimmte ältere Apfelsorten besser vertragen als moderne Sorten. Tatsächlich unterscheiden sich Apfelsorten unter anderem in ihrem Polyphenolgehalt.

Das kann auch für Menschen mit einer pollenassoziierten Apfelallergie interessant sein. Manche Betroffene vertragen einzelne Sorten besser als andere. Das bedeutet allerdings nicht, dass alte Sorten grundsätzlich für Allergiker geeignet sind. Wer auf Äpfel mit Jucken im Mund, Schwellungen oder anderen allergischen Beschwerden reagiert, sollte nicht einfach auf eigene Faust verschiedene Sorten durchprobieren.

Roh ist nicht für jeden Bauch ideal

So gesund ein Apfel sein kann: Nicht jeder Darm ist begeistert davon.

Äpfel enthalten unter anderem Fruktose und Sorbit. Menschen mit einem empfindlichen Darm oder bestimmten Unverträglichkeiten können deshalb nach dem Verzehr mit Blähungen, Bauchschmerzen oder Durchfall reagieren.

Das erlebe ich auch in meiner Praxis immer wieder: Was allgemein als gesund gilt, muss für den einzelnen Menschen noch lange nicht automatisch gut verträglich sein.

Manchmal wird ein gedünsteter oder gebackener Apfel besser vertragen als ein roher. Und manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen, warum der Darm auf bestimmte Lebensmittel so empfindlich reagiert.

Und hält der Apfel nun den Doktor fern?

Ganz so viel Verantwortung würde ich einem einzelnen Apfel lieber nicht aufbürden.

Aber er ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass gesunde Ernährung weder exotisch noch kompliziert sein muss. Gerade jetzt zur Apfelernte bekommen wir ein regionales Lebensmittel direkt vor unserer Haustür, das Ballaststoffe und eine ganze Reihe pflanzlicher Inhaltsstoffe mitbringt.

Vielleicht steckt in dem alten Sprichwort deshalb doch ein Körnchen Wahrheit. Nicht, weil ein Apfel Krankheiten verhindert oder einen Arztbesuch ersetzen könnte. Sondern weil er stellvertretend für etwas steht, das unserem Körper grundsätzlich guttut: eine abwechslungsreiche, pflanzenreiche Ernährung, möglichst wenig verarbeitet und gerne regional und saisonal.

Und wenn der Apfel dann noch frisch vom Baum kommt, knackig ist und beim Reinbeißen ordentlich knirscht, hat er für mich sowieso schon gewonnen.

In diesem Sinne: Genießen Sie die Apfelzeit!

Und falls Ihr Darm mit dem täglichen Apfel so gar nicht einverstanden ist, lohnt es sich manchmal, genauer hinzusehen. In meiner Praxis betrachte ich Verdauungsbeschwerden ganzheitlich und suche gemeinsam mit Ihnen nach möglichen Ursachen, statt nur einzelne Symptome zu betrachten.