Morgens liegt wieder Tau auf der Wiese, die Luft ist klarer und abends wird es deutlich früher dunkel. Ich mag diese ersten Herbsttage sehr. Die Farben verändern sich und nach einem heißen Sommer genieße ich es, morgens wieder eine Jacke überzuziehen.
Gleichzeitig beginnt die Zeit der laufenden Nasen und kratzenden Hälse. Genau jetzt, bevor der erste Infekt vor der Tür steht, lohnt sich ein genauerer Blick auf unser Immunsystem.
Warum Atemwegsinfekte im Herbst wieder häufiger werden
„Zieh dir eine Jacke an, sonst erkältest du dich!“ Diesen Satz kennen wahrscheinlich die meisten von uns. Ganz so funktioniert eine Erkältung natürlich nicht. Ohne Krankheitserreger gibt es auch keinen Infekt.
Trotzdem hatte die mütterliche Warnung vielleicht einen kleinen wahren Kern. Mit sinkenden Temperaturen verändern sich die Bedingungen in unseren Atemwegen. Gleichzeitig verbringen wir mehr Zeit in geschlossenen Räumen und manche Atemwegsviren kommen mit den kühleren und trockeneren Bedingungen der kalten Jahreszeit besonders gut zurecht.
Es treffen also mehrere Faktoren aufeinander: mehr Möglichkeiten zur Übertragung, günstigere Bedingungen für manche Viren und Veränderungen an unserer ersten wichtigen Abwehrbarriere, den Schleimhäuten.
Unsere erste Abwehr sitzt in Nase und Rachen
Eine unserer wichtigsten Schutzbarrieren sind die Schleimhäute von Nase, Mund, Rachen und den tieferen Atemwegen. Sie produzieren Sekret, in dem Staub, Fremdstoffe und Krankheitserreger hängen bleiben können.
Winzige Flimmerhärchen, die sogenannten Zilien, transportieren den Schleim Richtung Rachen. Diesen Reinigungsmechanismus nennt man mukoziliäre Clearance. Auch das sekretorische Immunglobulin A, kurz sIgA, ist Teil dieser Abwehr und trägt dazu bei, Krankheitserreger bereits auf den Schleimhäuten abzufangen.
Trockene Raumluft kann die Schleimhäute austrocknen, der Schleim kann zähflüssiger und die Arbeit der Flimmerhärchen beeinträchtigt werden. Spannend ist außerdem: Sinkt die Temperatur in der Nase, können bestimmte lokale Abwehrreaktionen der Nasenschleimhaut weniger effektiv ablaufen. Kühle Luft verursacht also keine Erkältung, kann aber die Abwehrbedingungen an einer wichtigen Eintrittspforte für Atemwegsviren beeinflussen.
Wenn die Sonne für Vitamin D langsam nicht mehr reicht
Mit den kürzer werdenden Tagen nimmt auch unsere körpereigene Vitamin-D-Produktion ab. In Deutschland ist die UV-B-Strahlung etwa von Oktober bis März nicht stark genug, um über die Haut ausreichend Vitamin D neu zu bilden.
Das bedeutet nicht, dass wir ab Oktober automatisch einen Mangel haben. Unser Körper kann Vitamin D speichern und in den sonnenarmen Monaten auf diese Vorräte zurückgreifen. Vitamin D ist unter anderem an der Regulation verschiedener Funktionen unseres Immunsystems beteiligt.
Daraus folgt allerdings nicht: Je mehr Vitamin D, desto besser die Abwehr. Eine Einnahme „auf Verdacht“ und insbesondere hohe Dosierungen halte ich nicht für sinnvoll. Wenn die Versorgung unklar ist, kann es sinnvoll sein, den Vitamin-D-Status gezielt zu bestimmen.
Was können wir jetzt vorbeugend tun?
Prophylaxe bedeutet für mich nicht, das Immunsystem möglichst kräftig „anzukurbeln“. Ein gut funktionierendes Immunsystem soll nicht möglichst stark reagieren, sondern angemessen und gut reguliert.
Im Herbst lohnt es sich besonders, auf unsere Schleimhäute zu achten. Ausreichend trinken, regelmäßig lüften und sehr trockene Raumluft vermeiden sind einfache Maßnahmen. Kochsalzlösungen können zusätzlich helfen, die Nasenschleimhaut zu befeuchten.
Auch der Darm gehört zum Immunsystem dazu. In seiner Schleimhaut sitzt ein großer Teil des darmassoziierten Immunsystems, das sogenannte GALT. Spannend finde ich dabei die Rolle unseres Mikrobioms: Darmbakterien bilden unter anderem kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, die für die Darmbarriere und die Regulation von Immunreaktionen von Bedeutung sind. Eine abwechslungsreiche, ballaststoffreiche Ernährung ist deshalb auch aus immunologischer Sicht interessant.
Auch Vitamin C, Zink, Selen, Eisen und Eiweiß werden für verschiedene Funktionen benötigt. Das heißt aber nicht, dass all diese Stoffe vorsorglich als Nahrungsergänzung eingenommen werden sollten. Besteht der Verdacht auf einen Mangel, finde ich es sinnvoller, gezielt hinzuschauen, statt nach dem Gießkannenprinzip alles einzunehmen, was „fürs Immunsystem“ beworben wird.
Nicht erst warten, bis der Hals kratzt
Der beginnende Herbst ist ein guter Zeitpunkt, einmal genauer hinzuschauen: Sind meine Schleimhäute gut geschützt? Wie sieht meine Ernährung aus? Gibt es möglicherweise einen Nährstoffmangel? Und wie geht es eigentlich meinem Darm?
Natürlich lässt sich damit nicht jeder Infekt verhindern. Aber wir können unserem Immunsystem möglichst gute Voraussetzungen geben, damit es seine Arbeit machen kann.
Vielleicht ist der erste kühle Herbstmorgen also nicht nur ein Grund, die Jacke wieder aus dem Schrank zu holen, sondern auch eine kleine Erinnerung daran, rechtzeitig etwas für sich selbst zu tun.