Wie arbeitet unser Immunsystem eigentlich?

Ich finde es faszinierend: Während ich diese Zeilen schreibe und Sie sie lesen, ist unser Immunsystem längst bei der Arbeit. Es kontrolliert, räumt auf und entscheidet in jeder Sekunde, was zu uns gehört und was möglicherweise gefährlich werden könnte. Davon bekommen wir meistens überhaupt nichts mit. Erst wenn die Nase läuft, der Hals kratzt oder uns ein Infekt ins Bett schickt, fällt uns wieder ein, dass da ja noch jemand im Hintergrund arbeitet.

In meinem letzten Artikel ging es darum, wie Sie Ihr Immunsystem im Herbst unterstützen können. Nun möchte ich genauer erklären, was hinter diesem Begriff steckt. Denn das Immunsystem ist kein einzelnes Organ, sondern ein fein abgestimmtes Netzwerk. Wie erkennt es Krankheitserreger, welche Abwehrzellen sind daran beteiligt und warum kann es sich an manche Erreger erinnern?

Ein Netzwerk im ganzen Körper

Beim Herzen ist die Sache recht übersichtlich. Es schlägt im Brustkorb und pumpt Blut durch den Körper. Das Immunsystem lässt sich dagegen keinem einzelnen Organ zuordnen. Seine Bestandteile sind über den gesamten Körper verteilt und eng miteinander verbunden.

Zur Immunabwehr gehören verschiedene Organe, Gewebe, Zellen und Eiweiße. Das Knochenmark, die Lymphknoten, die Milz und der Thymus sind ebenso beteiligt wie spezialisierte Abwehrzellen im Blut und im Gewebe. Auch die Haut und die Schleimhäute übernehmen wichtige Schutzaufgaben. Mit ihnen beschäftigen wir uns im nächsten Teil dieser Serie noch ausführlicher.

Ich stelle mir das Immunsystem gerne als gut eingespieltes Team vor. Nicht jedes Teammitglied kann alles. Einige erkennen Eindringlinge, andere schlagen Alarm, wieder andere greifen gezielt an oder speichern wichtige Informationen für später. Entscheidend ist, dass sie miteinander kommunizieren und ihre Aufgaben aufeinander abstimmen.

Die angeborene Abwehr reagiert sofort

Die angeborene Immunabwehr ist von Geburt an vorhanden. Sie reagiert sehr schnell und erkennt typische Merkmale, die viele Krankheitserreger gemeinsam haben. Dabei unterscheidet sie nicht so genau wie die erworbene Abwehr. Dafür verliert sie keine Zeit.

Ein alltägliches Beispiel ist ein kleiner Schnitt beim Gemüseschneiden. Durch die verletzte Haut können Bakterien in das Gewebe gelangen. Die angeborene Abwehr wartet nun nicht erst ab, um welche Bakterienart es sich genau handelt. Sie reagiert sofort: Blutgefäße erweitern sich, Abwehrzellen werden zum Ort der Verletzung gerufen und die betroffene Stelle kann sich röten, warm werden oder leicht anschwellen.

Zu diesem Teil des Immunsystems gehören unter anderem bestimmte Fresszellen. Der Name ist tatsächlich ziemlich passend. Diese Zellen können Krankheitserreger oder beschädigte Zellen aufnehmen und abbauen. Gleichzeitig setzen sie Botenstoffe frei, mit denen sie weitere Abwehrzellen alarmieren.

Auch natürliche Killerzellen gehören zur angeborenen Abwehr. Sie kontrollieren Körperzellen und können auffällige, beispielsweise von Viren befallene Zellen erkennen und beseitigen. Der Name klingt zunächst etwas martialisch, beschreibt ihre Aufgabe aber recht treffend.

Rötung, Wärme und Schwellung sind deshalb nicht automatisch ein Hinweis darauf, dass etwas schiefläuft. Sie zeigen zunächst, dass die körpereigene Abwehr aktiv geworden ist. Auch Fieber ist Teil einer allgemeinen Abwehrreaktion des Körpers, hat jedoch komplexere Ursachen als die örtliche Reaktion an einer kleinen Verletzung.

Die erworbene Abwehr arbeitet gezielter

Während die angeborene Abwehr bereits handelt, beginnt die erworbene, auch spezifische Immunabwehr mit ihrer genaueren Arbeit. Sie richtet sich gezielt gegen bestimmte Merkmale eines Erregers. Diese Merkmale nennt man Antigene.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die B-Lymphozyten. Sie können sich zu Zellen entwickeln, die passende Antikörper herstellen. Antikörper binden an bestimmte Strukturen eines Erregers. Dadurch können sie ihn blockieren oder für andere Immunzellen besser erkennbar machen.

Auch die T-Lymphozyten haben verschiedene Aufgaben. Einige von ihnen, die T-Helferzellen, koordinieren die Abwehr und geben anderen Immunzellen wichtige Signale. Andere T-Zellen erkennen Körperzellen, die bereits von einem Virus befallen wurden.

Ein Beispiel: Ein Virus dringt in eine Zelle der Atemwegsschleimhaut ein und nutzt sie, um sich zu vermehren. Da sich das Virus nun im Inneren der Zelle befindet, können Antikörper es dort nicht direkt erreichen. Bestimmte T-Zellen erkennen jedoch Veränderungen an der Oberfläche der befallenen Zelle und können sie gezielt zerstören. Auf diese Weise wird verhindert, dass die Zelle weitere Viren produziert.

Die Bezeichnungen klingen zunächst wie eine etwas unübersichtliche Buchstabensuppe. Im Grunde geht es aber um Arbeitsteilung: Die einen erkennen den Erreger, die anderen koordinieren die Immunantwort und wieder andere greifen gezielt ein.

Das Gedächtnis unserer Immunabwehr

Besonders spannend finde ich das immunologische Gedächtnis. Nach dem Kontakt mit einem Krankheitserreger bleiben bestimmte B- und T-Lymphozyten als Gedächtniszellen im Körper zurück. Begegnet das Immunsystem demselben Erreger erneut, erkennen diese Zellen typische Merkmale wieder. Die Abwehr kann dadurch schneller und gezielter reagieren.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Infekt automatisch einen dauerhaften Schutz hinterlässt. Manche Krankheitserreger verändern sich, andere lösen nur eine zeitlich begrenzte Immunantwort aus. Außerdem hängt es vom jeweiligen Erreger und von der individuellen Immunreaktion ab, wie zuverlässig und wie lange das Immungedächtnis erhalten bleibt.

Gute Abwehr bedeutet gutes Zusammenspiel

Ein gut arbeitendes Immunsystem muss nicht ständig auf höchster Stufe laufen. Es sollte eine mögliche Gefahr erkennen, angemessen reagieren und anschließend auch wieder zur Ruhe kommen. Mehr Aktivität bedeutet deshalb nicht automatisch eine bessere Immunabwehr. Entscheidend ist, dass die verschiedenen Bestandteile sinnvoll zusammenarbeiten.

Im nächsten Teil dieser Serie geht es um die erste Verteidigungslinie unseres Körpers: die Haut und die Schleimhäute. Sie werden oft übersehen, obwohl viele Krankheitserreger genau dort zum ersten Mal mit unserem Körper in Kontakt kommen.

Wenn Sie Fragen zu Ihrem Immunsystem haben oder sich Unterstützung wünschen, dürfen Sie sich gerne an mich wenden.